Stell dir einen Biologie-Raum vor. Tische, Stühle, ein Whiteboard vorne, Tablets auf den Tischen. Ganz normaler Unterricht, 2026. Die Lehrkraft hat die Stunde gut vorbereitet – ein Erklärvideo hier, eine interaktive Grafik da, vielleicht ein kollaboratives Board, auf dem die Klasse gemeinsam arbeitet.
Und dann passiert etwas Neues. Die menschliche Zelle erscheint mitten im Raum. Nicht auf einem Bildschirm. Im Raum. Dreidimensional, begehbar, für alle gleichzeitig sichtbar. Du gehst um den Zellkern herum, bückst dich, schaust von unten rein. Die Schülerinnen und Schüler stehen daneben, zeigen auf die Mitochondrien, diskutieren. Niemand ist abgetaucht. Alle sehen sich. Die Lehrkraft führt, zeigt, erklärt – und alle schauen auf denselben Punkt, weil er tatsächlich da steht, zwischen den Tischen.
Das ist die Idee hinter Splexit.
Was sich verändert hat – und was noch fehlt
Schulen stehen heute an einem interessanten Punkt. Viele Lehrkräfte arbeiten längst digital. Sie nutzen YouTube, StudyFlix, Canva, Miro, interaktive Arbeitsblätter, manchmal CoSpaces oder Arrival Space. Das didaktische Bewusstsein ist da. Die Bereitschaft ist da. Oft auch die Geräte.
Was noch fehlt, ist eine Schicht darüber.
Denn all diese Tools und Inhalte leben nebeneinander. Hier ein gutes 3D-Modell auf Sketchfab, dort ein 360°-Panorama auf 360cities, irgendwo eine interaktive App, die man vor drei Monaten mal ausprobiert hat. Qualität, Didaktik, Lizenzlage – oft unklar. Und selbst wenn man etwas Gutes findet: Es bleibt meistens bei einem Einzelabruf. Man zeigt es kurz, klickt weiter, macht mit dem nächsten Thema weiter.
Was es noch nicht gibt, ist ein Ort, an dem solche Inhalte in einen zusammenhängenden Unterrichtsfluss kommen. In dem man eine Reihenfolge festlegt, eine Geschichte erzählt, Schicht für Schicht Komplexität aufbaut – und das alles nicht auf einer Folie, sondern im Raum.
Genau das will Splexit sein.
Ein räumliches Whiteboard
Splexit ist ein räumliches Whiteboard für den Unterricht. Du nimmst Inhalte – 3D-Modelle, 360°-Panoramen, Videos, interaktive Module aus anderen Plattformen – und orchestrierst sie in einer gemeinsamen räumlichen Erfahrung. Live. Gesteuert von dir als Lehrkraft. Oder auch von deinen Schülern.
Der Vergleich, der es am besten trifft: PowerPoint für 3D. Nicht weil es simpel wäre, sondern weil die Grundlogik dieselbe ist. Du baust eine Abfolge. Du bestimmst, was wann sichtbar wird. Du führst durch den Inhalt. Nur eben nicht auf einer Leinwand, sondern im Raum, den du mit deiner Klasse teilst.
Und hier kommt der entscheidende Punkt: Splexit will niemanden von den Tools wegholen, die bereits im Einsatz sind.
Du arbeitest mit CoSpaces und hast interaktive Räume gebaut? Dann soll deine Klasse diese Räume über Splexit gemeinsam betreten können. Du hast ein geniales Panorama auf 360cities gefunden? Schaut es euch zusammen an, im selben Moment, mit denselben Blickpunkten. Du nutzt Arrival Space mit ihren Gaussian-Splatting-Scans? Bring diese Umgebungen in deinen Unterrichtsfluss, als eine Station unter vielen.
Splexit versteht sich als Orchestrierungs-Tool. Kein geschlossener Garten. Eher eine Bühne, auf der verschiedene Inhalte im Takt deines Unterrichts zusammenkommen.
Wie sich das methodisch anfühlt
Lass uns über Methoden reden. Nicht über Technik, sondern darüber, was sich verändert, wenn der Raum zur didaktischen Ressource wird.
Stationenlernen – aber dreidimensional. Du kennst das Format: Gruppen rotieren durch Stationen, jede mit einem eigenen Auftrag. Jetzt stell dir vor, diese Stationen sind keine Tische mit laminierten Karten, sondern räumliche Ankerpunkte im Klassenzimmer. An Station eins steht ein 3D-Modell des Herzkreislaufs. An Station zwei öffnet sich ein 360°-Panorama eines Korallenriffs. An Station drei wartet eine interaktive Simulation aus CoSpaces. Die Lehrkraft steuert, welche Station aktiv ist. Die Klasse bewegt sich physisch durch den Raum – und gleichzeitig durch den Inhalt.
Scaffolding, das man sehen kann. Komplexes Wissen baut man schrittweise auf – das ist keine neue Erkenntnis. Aber wenn ein räumliches Modell im Raum steht, wird genau dieser Aufbau sichtbar. Du startest mit der Grundstruktur einer Zelle. Fügst eine Schicht hinzu. Dann die nächste. Die Klasse sieht, wie Komplexität wächst – nicht als fertiges Schaubild, sondern als Prozess, den man Schritt für Schritt nachvollziehen kann.
Think-Pair-Share mit einem gemeinsamen Ankerpunkt. Erst denkt jeder für sich, dann tauschen sich Paare aus, dann wird im Plenum besprochen. Wenn dabei ein dreidimensionales Modell im Raum steht, auf das alle zeigen, an dem alle argumentieren, das alle aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten – dann bekommt diese Methode eine räumliche Tiefe, die mit einer Projektion schwer herzustellen ist.
Das sind keine neuen Methoden. Es sind bewährte Formate, die durch den Raum eine andere Qualität bekommen.
Mixed Reality first – aber nicht nur
Splexit setzt auf Mixed Reality als Standardmodus. Das heißt: Die digitalen Inhalte werden in das echte Klassenzimmer eingeblendet. Schülerinnen und Schüler sehen sich gegenseitig, sehen die Lehrkraft, sehen den Raum – und dazwischen erscheinen die Modelle, die Panoramen, die Objekte.
Wer mal versucht hat, mit einer ganzen Klasse VR-Brillen zu nutzen, weiß, warum das wichtig ist. Bei klassischer VR ist der Schüler weg – abgetaucht in eine geschlossene Welt. Die Lehrkraft verliert den Blickkontakt, die soziale Dynamik im Raum bricht zusammen, Unterrichtsführung wird zum Blindflug.
Das heißt aber nicht, dass VR keinen Platz hat. Es gibt Momente, in denen ein 360°-Bild genau das Richtige ist. Oder ein vollständig virtueller Raum, den die Klasse gemeinsam betritt. Splexit schließt das nicht aus. Es setzt nur Mixed Reality als Ausgangspunkt, weil dort der gemeinsame Unterrichtsmoment erhalten bleibt.
Und: Splexit läuft nicht nur auf MR-Brillen. Tablets und Smartphones werden zu Fenstern in den Raum. Wer ein Tablet hat, sieht das 3D-Modell genau dort, wo die anderen es auch sehen. Niemand wird ausgeschlossen.
Wo gute Inhalte herkommen
Eins der größten Themen für Lehrkräfte, die mit immersiven Medien arbeiten wollen: Wo finde ich verlässlich gute Inhalte? Und wie finde ich sie, ohne jedes Mal eine Stunde zu recherchieren?
Das aktuelle Angebot ist fragmentiert. Es gibt großartige Einzelstücke – auf Sketchfab, auf 360cities, in Arrival Space, in CoSpaces, im VIL. Aber sie liegen verstreut, in unterschiedlichen Formaten, auf unterschiedlichen Plattformen, mit unterschiedlichen Lizenzmodellen.
Deshalb gehört zum Splexit-Konzept ein Marktplatz: ein Ort, an dem Inhalte strukturiert auffindbar sind. Museen, Verlage, Content-Creator und Lehrkräfte können didaktisch aufbereitete Module und Templates bereitstellen. Durchsuchbar, qualitätsgesichert, teilbar – ein bisschen so, wie Canva es für Design-Templates geschafft hat. Nur eben für räumliche Lernerfahrungen.
Und das Ganze brillenübergreifend. Egal ob Pico, Meta Quest oder ein anderes Headset – der Splexit-Marktplatz sieht überall gleich aus. Keine Fragmentierung nach Ökosystem. Kein Vendor Lock-in.
Dazu kommt die Anbindung an bestehende Plattformen wie den VIL, der bereits kuratierte Inhalte für den Unterricht bereithält. Splexit will nicht das Rad neu erfinden. Es will der fehlende Link sein, der vorhandene Inhalte in einen orchestrierten Unterrichtsfluss bringt.
Quelloffen – und warum das keine Randnotiz ist
Splexit ist Open Source. Das ist keine technische Fußnote, sondern eine bewusste Positionierung in einer Diskussion, die gerade in Europa sehr konkret geführt wird: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur im Bildungssystem?
Was Splexit selbst betrifft: Die Anwendung zieht keine Nutzerprofile, keine Bewegungsdaten, gibt nichts an Dritte weiter. Kein Tracking, keine Werbepartner, kein verstecktes Datenmodell. Schulen, Bundesländer oder Bildungsträger können das System auf eigenen Servern betreiben. In Europa. In ihrer Hoheit.
Was wir damit nicht lösen können: Was das Headset selbst tut. Wenn eine Schule Meta-Quest-Brillen einsetzt, lässt sich nicht vollständig kontrollieren, welche Telemetriedaten das Gerät erhebt. Was wir tun können: Die Anwendung so bauen, dass sie komplett offline in einem lokalen Netzwerk läuft. Inhalte einmal herunterladen, danach braucht es keinen Internetzugang mehr. Keine Daten, die nach draußen gehen. Kein offener Kanal zu irgendwelchen Servern.
Das ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein ehrlicher Umgang mit einer Frage, die viele EdTech-Anbieter lieber umschiffen.
Warum gerade jetzt
Nicht weil die Technik plötzlich magisch geworden wäre. Sondern weil sich etwas aufbaut.
Medienzentren investieren in Headsets. Die Geräte stehen zunehmend in größeren Stückzahlen für Schulen zur Verfügung. Die Hardware-Hürde, die vor ein paar Jahren noch viele Projekte gestoppt hat, wird niedriger.
Gleichzeitig verschiebt sich die Bildungsdiskussion. Es geht nicht mehr nur darum, Unterricht zu digitalisieren – das war die Frage von gestern. Die Frage von heute ist: Wie fördern wir Systemkompetenz? Wie machen wir Zusammenhänge sichtbar? Wie schaffen wir Lernräume, in denen nicht nur Fakten abgerufen, sondern Strukturen verstanden werden? Die Curricula fordern es. Viele Lehrkräfte spüren es. Und die Schülerinnen und Schüler brauchen es.
Und es gibt inzwischen ein Ökosystem, an das man andocken kann. CoSpaces, Arrival Space, 360cities, der VIL – das sind keine Nischenprodukte mehr. Es gibt Inhalte. Es gibt Plattformen. Was es noch nicht gibt, ist der Ort, der alles zusammenbringt. Im Raum. Im Unterrichtsfluss. Unter der Regie der Lehrkraft.
Was wir einladen
Splexit ist kein fertiges Produkt. Es ist ein Projekt in der Machbarkeitsphase – im Austausch mit Lehrkräften, Schulen, Bildungsforschern und Partnern, die an Gamification, Story-Design und 3D-Assets arbeiten.
Wir suchen keine Kunden. Wir suchen Mitdenker. Testerinnen. Kritische Stimmen. Leute, die sagen: „Das hier fehlt mir" oder „Das funktioniert bei mir so nicht – und hier ist der Grund." Leute, die Templates teilen, Module remixen, Lernszenarien ausprobieren.
Denn ob eine Plattform wie Splexit im Unterricht ankommt, entscheidet sich nicht an der Technik. Es entscheidet sich daran, ob eine Community entsteht, die sie mit Leben füllt.
Also: Hallo.
Hallo, das ist Splexit. Offen. Räumlich. Gemacht für Lehrkräfte, die längst digital arbeiten – und jetzt den nächsten Schritt gehen wollen.
Wir fangen gerade erst an. Und wir freuen uns, wenn du dabei bist.