Das Interface wechselt. Die Vermittlung auch.

Die Meta Connect hat sichtbar gemacht, was sich seit Jahren entwickelt: Computer werden zu Agenten, die Oberfläche verlässt den Bildschirm. Ein nüchterner Blick auf die Fäden, die gerade zusammenlaufen – und was das für Einrichtungen bedeutet, die Wissen vermitteln.

Lehrkraft und Splexi gestalten gemeinsam ein räumliches Lernmodell einer Zelle im Klassenzimmer.
Illustration — Lehrkraft und Splexi entwickeln gemeinsam ein räumliches Lernmodell, ohne die klassische 3D-Pipeline am Laptop.

Wer in den letzten Monaten über XR, KI und die großen Tech-Konzerne gelesen hat, konnte leicht den Überblick verlieren. „XR ist tot." „Das Metaverse ist gescheitert." „Apple hat das KI-Rennen verloren." „Die KI-Blase platzt bald." „Meta baut nur noch Brillen für Creeps." Jede dieser Aussagen hat irgendwo einen wahren Kern – und jede davon greift zu kurz.

Gestern war Meta Connect. Zuerst: Meta hat verstanden, dass man den Nutzer nicht mit irgendwelchen Buzzwords (Mixed Reality, Metaverse, XR) langweilen sollte. Jetzt gibt es nur noch “die VR-Brille”. Man kann die Keynote als Produktvorstellung lesen: neue Ray-Bans, eine Audio-Brille, eine VR-Brille mit rund 100 Gramm. Man kann sie aber auch als Momentaufnahme einer Entwicklung lesen, die seit Jahren läuft und an der alle großen Akteure auf ihre Weise arbeiten.

Um diese zweite Lesart geht es hier: nicht um die Frage, wer gewinnt, sondern darum, was sich gerade verschiebt.

Ein Blick zurück

Auf der Connect 2023 hat Meta noch Chatbots mit Promi-Gesichtern vorgestellt. Drei Jahre später steht auf derselben Bühne ein persönlicher Agent, der dauerhaft im Hintergrund arbeitet und einen Avatar mit Gesicht, Körper und Stimme bekommt. Erst die Figur, dann die Intelligenz dahinter — rückblickend eine ziemlich gerade Linie. Bemerkenswert ist vor allem, wie schnell beides zusammengefunden hat.

Man sollte die Keynote trotzdem nicht beim Wort nehmen. Meta hat eine lange Liste von Produkten, die groß angekündigt und später still beerdigt wurden:

Ob es den Avatar-Agenten, den Meta gestern gezeigt hat, in zwei Jahren noch gibt, weiß niemand.

Interessant ist deshalb weniger, was Meta verspricht, sondern wie Meta es gezeigt hat. Das Konzept darunter trägt — unabhängig davon, welches Produkt am Ende übrig bleibt:

Ein Agent, der auf einem eigenen Computer in der Cloud läuft, jederzeit ansprechbar ist und im Hintergrund weiterarbeitet.

Das verändert, wie wir mit Daten, mit Wissen und mit dem Zusammenspiel von Diensten umgehen. Die Connect hat dafür nur ein Bild geliefert.

Ich beobachte diese Entwicklung seit einigen Jahren und habe sie nicht immer gleich eingeschätzt:

Heute sehe ich darin keinen Widerspruch mehr. Diese Texte haben unterschiedliche Rollen im selben Umbruch beschrieben — welche das sind, wird erst jetzt deutlicher.

Was sich verändert hat: Software, die nicht mehr wartet

Der wichtigste Schritt der letzten Monate hat mit Brillen nur am Rande zu tun. Er betrifft die Frage, wann ein Computer arbeitet.

Bisher war die Antwort einfach: wenn jemand davorsitzt. Laptop auf, es passiert etwas. Laptop zu, es passiert nichts. Auch die ersten KI-Chatbots haben daran nichts geändert — sie antworten, wenn man fragt.

Agenten, die dauerhaft laufen

Anfang 2026 ist mit OpenClaw ein Open-Source-Projekt bekannt geworden, das diese Logik umdreht; kurz darauf folgte Hermes Agent von Nous Research. Solche Agenten haben ein Gedächtnis, können Werkzeuge bedienen und laufen dauerhaft. Man kann ihnen Aufgaben geben, die Tage oder Wochen dauern. Dafür brauchen sie einen Rechner, der nie ausgeht — entweder in der Cloud oder zu Hause. Viele Nutzer haben sich dafür einen Mac mini gekauft; im Frühjahr waren Mac mini und Mac Studio zeitweise ausverkauft.

Die großen Anbieter sind schnell nachgezogen:

  • Anthropic — Claude Cowork bearbeitet lange Aufgaben in der Cloud weiter, auch wenn niemand zuschaut.
  • OpenAI — hat den Entwickler von OpenClaw ins Haus geholt.
  • Meta — Anfang September Muse gestartet: läuft auf einer virtuellen Maschine in Metas Rechenzentrum, erinnert sich an Kontext und arbeitet weiter, wenn die App geschlossen ist (vorerst nur in den USA).

Der eigentliche Wechsel: Der Computer wird vom Werkzeug, das man bedient, zu einem Dienst, dem man Aufgaben gibt.

Wissen liegt dann nicht mehr verstreut in Ordnern, Apps und Browser-Tabs, sondern im Gedächtnis des Agenten. Dienste sprechen nicht mehr über den Menschen miteinander, der zwischen Fenstern hin- und herkopiert, sondern direkt über den Agenten.

Offene Fragen gibt es dabei genug: Agenten, die selbstständig Mails verschicken, Dateien verändern und Dienste bedienen, sind ein neues Sicherheitsrisiko — viele Unternehmen berichten bereits von entsprechenden Vorfällen. Die Entwicklung ist real. Ausgereift ist sie nicht.

Wer woran baut

Schaut man mit etwas Abstand auf die großen Akteure, verfolgen sie dasselbe Ziel auf unterschiedlichen Wegen.

Meta

Setzt auf den Agenten in der Cloud und die Brille als Zugang zu ihm. Zuckerberg hat das auf der Connect offen formuliert: Man habe geglaubt, das Metaverse komme vor der fortgeschrittenen KI — jetzt sei klar, dass es umgekehrt ist. Die Hardware ist breit aufgestellt, von der Audio-Brille bis zur VR-Brille, dazu ein kleiner Anhänger namens Muse Charm. Ein Geschäftsmodell, das auf Werbung und Konsumdaten beruht, trifft auf einen Agenten, der sehr viel über seine Nutzer weiß. Das sollte man im Blick behalten.

Apple

Hat die Idee eines Assistenten im Raum schon im Juni gezeigt: Die neue Siri erscheint in visionOS 27 als Kugel, die man im Raum platziert. Apples Ansatz ist, so viel wie möglich auf den eigenen Geräten zu rechnen und für die großen Modelle auf Googles Gemini zurückzugreifen. Gleichzeitig ist leistungsfähige Hardware teuer, im Vision-Team gab es im Sommer Stellenabbau, und ein Nachfolger der Vision Pro ist nicht in Sicht. John Ternus (jetzt CEO und Nachfolger von Tim Cook) spricht bei der Vision Pro von „den frühen Tagen einer langen Reise" und hält voll und ganz daran fest.

Auffällig ist, wie sich Apple dabei fast beiläufig in die Geschichten der anderen geschoben hat. In den Präsentationen der Konkurrenz taucht erstaunlich oft ein iPhone oder ein Mac auf. Metas Desktop-Agent startet ausschließlich auf dem Mac, Snaps KI-Assistent für die Specs zunächst nur auf iPhone und Mac. Leichte Brillen brauchen ein leistungsfähiges Gerät in der Nähe, an das sie sich koppeln – und dieses Gerät ist in vielen Fällen eines von Apple. Die Erzählung, Apple habe die KI verpasst, greift deshalb zu kurz. Apple baut vielleicht nicht den bekanntesten Agenten, liefert aber das Gerät, auf dem die Agenten der anderen zuerst landen. Ob das auf Dauer trägt, ist offen.

Google

Android XR als räumliches Betriebssystem — die ersten Brillen dafür kommen noch dieses Jahr. Die eigentliche Stärke liegt woanders: der komplette KI-Stack aus einer Hand, von Chips bis Modellen, plus direkter Zugriff auf Arbeitsdaten wie Mails, Dokumente und Kalender.

OpenAI und Anthropic

Liefern die Modelle und Agenten, auf denen ein großer Teil dieser Entwicklung aufbaut, haben aber bislang keine eigene Hardware im Markt. OpenAI arbeitet mit Jony Ive an einem eigenen Gerät — das allerdings frühestens 2027 erscheinen soll.

Nvidia

Baut die Infrastruktur fürs Training und treibt die nächste Stufe voran: KI, die nicht nur Bildschirme verlässt, sondern Maschinen steuert. Jensen Huang sprach auf der GTC vom „Urknall der physischen KI". Roboter, die ihre Umgebung verstehen, sind dieselbe Idee in einem anderen Körper.

Snap und andere

Kleinere Akteure wie Snap bringen Specs-Brillen im Herbst; dessen KI-Assistent läuft zunächst nur auf iPhone und Mac.

Wer das nebeneinanderlegt, sieht kein Rennen mit einem Sieger, sondern eine Arbeitsteilung, die sich gerade sortiert. Die Frage, wer „gewonnen" oder „verloren" hat, sagt weniger aus, als Schlagzeilen vermuten lassen.

Das große Bild

Was sich aus all dem ergibt, ist eine Verschiebung des Interfaces. Das Folgende ist eine Einschätzung, keine Gewissheit.

Wenn Agenten zunehmend die Arbeit übernehmen, die heute am Bildschirm passiert, verliert die klassische Desktop Anwendung an Bedeutung. Man öffnet nicht mehr die Tabelle — man fragt nach dem Ergebnis. Auch das Web könnte sich verändern: Anbieter liefern Daten und Dienste, die Darstellung übernimmt der Agent, abgestimmt auf Person und Situation. Deshalb bindet Meta Dienste wie Shopify und Notion an; deshalb bauen alle Anbieter Schnittstellen zu den Werkzeugen des Alltags.

Das Ergebnis muss aber irgendwo sichtbar werden — auf dem Smartphone, auf einem Bildschirm, in einer Brille, im Raum.

Die Erzählung vom „Ende der XR" halte ich deshalb für ein Missverständnis. Der Metaverse-Hype ist vorbei, die Werbung für VR ist leiser. Aber Meta, Google, Apple, Snap und bald OpenAI arbeiten an Geräten, die näher am Körper sind als der Laptop. Die Technologie verschwindet nicht — sie ändert ihre Rolle: vom Ziel zum Zugang.

Was das für Vermittlung bedeutet

Wenn sich die Art verändert, wie Menschen mit Computern umgehen, dann betrifft das auch die Orte, an denen Wissen vermittelt wird: Klassenzimmer und Hörsäle, Museen und Gedenkorte, Seminarräume und Messestände. Nicht irgendwann, sondern in dem Maß, in dem es den Alltag der Menschen verändert, die dorthin kommen.

Heute sieht digitale Vermittlung oft so aus: Eine Gruppe schaut gemeinsam auf einen Bildschirm – die Klasse aufs Board, die Besucher auf den Medientisch, das Publikum auf die Leinwand. Das ist die Logik des Bildschirms, übertragen in den Raum. Wer räumliche Inhalte selbst bauen will, landet schnell in Werkzeugen, die dafür nicht gedacht sind — komplexe 3D-Software statt Unterricht.

Lehrkraft am Laptop mit überladener 3D-Software.
Wer räumliche Inhalte selbst bauen will, landet oft in professioneller 3D-Software — nicht in einer Oberfläche für Unterricht.

Wenn Oberflächen künftig im Dialog entstehen, wenn Inhalte nicht mehr gesucht, sondern erzeugt und im Raum angeordnet werden, dann verändert sich auch, wie Vermittlung vorbereitet und erlebt werden kann. Eine Lehrkraft beschreibt, was sie in ihrer Stunde zeigen will, eine Kuratorin, was eine Ausstellung erzählen soll – und das System hilft, es sichtbar zu machen.

Lehrkraft und Splexi mit holographischem Zellenmodell im Klassenzimmer.
Im Dialog: Lernziele beschreiben, Inhalte im Raum entstehen lassen — statt Menüs und Viewports zu bedienen.

Das ist keine Frage der Geräteausstattung. Es geht nicht darum, möglichst viele Brillen anzuschaffen. Es geht darum, wie Inhalte entstehen, wem sie gehören und wie Menschen damit arbeiten.

Und genau hier lohnt der kritische Blick. Ein Agent, der sieht und hört, was in einem Klassenzimmer oder einer Ausstellung passiert, ist etwas anderes als ein Tafelbild oder eine Texttafel. Fragen, die nicht dadurch beantwortet werden, dass man abwartet — sondern dann von den Anbietern:

  • Wo liegen die Daten?
  • Welche Modelle werden genutzt, und wer kontrolliert sie?
  • Was passiert mit Fähigkeiten, die der Assistent übernimmt?
  • Wer kann sich die nötige Technik leisten — und wer nicht?

Wo Splexit steht

Splexit wird oft als VR-Anwendung für die Schule wahrgenommen. Das ist verständlich: Präsentationen sind zum Ausspielen auf XR-Headsets bestimmt, und wir haben ein Jahr lang intensiv mit Schulen gearbeitet. Gemeint ist aber etwas anderes.

Splexit soll ein Interface für Einrichtungen sein, die Inhalte räumlich vermitteln: Schulen und Hochschulen, Medienzentren, Museen und Gedenkorte, Referentinnen und Referenten, Studios und Messen. Damit lassen sich einfache räumliche Erfahrungen gestalten und live führen, ohne 3D-Kenntnisse und unabhängig vom Gerät. Heute heißt das: Inhalte zusammenstellen, per Tablet steuern und mit bis zu 50 Menschen gemeinsam im Raum erleben, auf Quest, Pico, Vive oder dem Tablet selbst.

  • Die Brille als möglicher Ausgabekanal, nicht als Kern.
  • Der Kern offen: quelloffen, selbst betreibbar, auf offenen Standards.

Das Muster, das die großen Anbieter gerade zeigen, ist für uns nicht neu. Die Companion App auf dem Tablet war von Anfang an der Kern von Splexit: Dort entstehen die Inhalte, von dort aus wird die Gruppe geführt, dort laufen die Fäden zusammen. Die Brille zeigt, das Tablet steuert. Ein leichtes Gerät am Kopf und ein leistungsfähiges Gerät in der Hand, das die eigentliche Arbeit macht – zu genau diesem Aufbau kommen gerade auch Meta, Snap und Apple.

Der nächste Schritt folgt der Entwicklung oben. Unter dem Namen Splexi arbeiten wir an einer Gestaltungsebene im Dialog: Wer vermitteln will, beschreibt, was gezeigt werden soll – die Lehrkraft ihre Stunde, das Museum seine Ausstellung. Ein Agent im Hintergrund sucht passende Inhalte, strukturiert Szenen und ordnet sie den Zielen zu — und eine Figur im Raum macht den Prozess greifbar.

Splexi-Maskottchen im Raumanzug.
Splexi als Figur im Raum — sichtbarer Begleiter für dialogische Gestaltung (Konzept, kein Store-Produkt).

Die Architektur ähnelt dem, was die großen Anbieter zeigen. Der Unterschied: wem das System gehört — Einrichtungen sollen ihre eigenen KI-Modelle wählen können, die Bausteine sind offen, das Hosting liegt in Europa.

Splexi ist ein Konzept, kein fertiges Produkt. Die Richtung ist klar: Wenn sich das Interface ändert, brauchen Bildung und Kultur Werkzeuge, die mit diesem Interface arbeiten — statt alte Inhalte nur auf neue Geräte zu übertragen.

Die Meta Connect hat daran nichts Grundsätzliches verändert. Sie hat nur deutlicher gemacht, wohin sich die Dinge seit Jahren bewegen.

Quellen

Meta Connect 2026 und Muse

Metas Track Record

KI-Agenten

Apple

Google, OpenAI, Nvidia, Snap

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